Die "Straße der Kasbahs" von Skoura bis Tinghir

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M'Gouna
• häuser die geschichte erzählen • dinos on tour • affenpfoten? •

Ist das ungerecht? Befinden sich nicht an der "Straße der Kasbahs" noch viele andere interessante Punkte? Was ist z.B. mit den Tälern, die nördlich in den Atlas führen?

Boumalne Die "Straße der 1000 Kasbahs" - so wird die N 10 in dieser Ecke oft euphorisch genannt, die anfangs ein Stück den Oued Dadès begleitet und zwischen Atlas und Djebel Saghro (Jbel Sarhro), der östlichen Fortsetzung des Anti-Atlas verläuft.
Hier waren bereits die Dinosaurier unterwegs, haben ihre Spuren hinterlassen. Und die Natur hat eine immer wieder abwechslungsreiche, äußerst eindrucksvolle wie einmalige Landschaft geformt - denkt man nur an die nördlich abgehenden Täler oder den Djebel Saghro.
Da sind die seltsamen, eigentümlichen Lehmhäuser doch "nur" das "Tüpfelchen aufs I"? Und die erstgenannten Spuren bleiben, die Spuren der eigentlich recht jungen Lehmhäuser, die meist aus dem 19., ganz selten aus dem 18. Jahrhundert stammen, vergehen - teilweise leider recht schnell.
Die Beobachtungen von Dr. Werner Wrage von ca. 1965 in "Jenseits des Atlas" haben noch immer Gültigkeit:
"Überall stehen zerstörte oder verwitterte und verfallene Gebäude, neben denen sich gut erhaltene oder neu errichtete Kasbahs erheben. Das ist das typische Bild vieler Ksour im Lande, wohl weniger ein Spiegel kriegerischer Ereignisse als vielmehr der Verwitterungskräfte, denen der Lehmbau nicht gewachsen ist, aber auch der Geisteshaltung der Berber, die gern neu bauen neben dem alten, wenn auch aus dem Geist und der Tradition heraus."
El-Kelaa M'Gouna Wir stellen auch hier immer wieder fest: Anders als im europäischen Kulturkreis ist ein Neubau mehr Wert und besser als ein Altbau. Und so kommt es dazu, dass die Wohnburgen zunehmend mehr von den klobigen Häusern aus Hohlblocksteinen und Beton, manchmal gestrichen in grellen Farben direkt umgeben sind.
Gut 200 km sind es von Ouarzazate bis Tinejdad, an der sich die einstmals so schönen Lehmhäuser in der traditionellen Form und einmaligen Bauweise wohl wie die Perlen an einer Schnur aufreihten. Heute ist von diesen Perlen nur noch wenig erhalten. Grob gesagt, gibt es alle 50 km ein, zwei oder drei "edle Stücke" oder Ansammlungen derselben in Form von Ksour: Gepflegte, repräsentative, im alten Stil restaurierte oder wieder aufgebaute Gebäude.
Schule Eigentlich handelt es sich hier zumeist um Wohnburgen, befestigte Wohnhäuser und selten um Tighermatin (Einzahl Tighremt), kollektive Speicher. Aber in der Berbersprache der Region hier wurden und werden sie "Kasbah" genannt. Was (zumindest zumeist) überhaupt nichts zu tun hat mit den arabischen Wohnvierteln der Städte im Norden und auch nichts mit den alten Festungsanlagen, von denen aus ein vom Sultan ernannter Gouverneur, ein Kaid / Qaid dessen Gestze in der Umgebung durchzusetzen hatte. Aber natürlich gab es auch hier ein paar wenige "echte" Kasbahs im herkömmlichen Sinn.
Skoura Die meisten noch bzw. wieder gut erhaltenen Bauwerke an der N10 sind oft beschrieben, gut ausgeschildert, und auf Besucher vorbereitet. In vielen dieser Häuser befindet sich eine mehr oder weniger große Ausstellung alter Gebrauchsgegenstände, Schmuck und Bekleidung. Mal ist der Besuch kostenfrei und man erwartet, dass der Gast ein Getränk nimmt, mal kostet er 20 DHS. Immer wieder gibt es originelle Marabouts, deren kleine weiße Spitzen oft aus den Palmenhainen leuchtturmartig heraus stehen. Auch hier: Es gibt nicht zwei, die sich gleichen.

Von Ouarzazate kommend, stößt man auf die ersten Wohnburgen in der Gegend von Skoura, z.B. mit den Kasbahs von Ben Moro und Amerhidil (eigentlich Teil eines Ksar) sowie dem Haus von Aït Abou. Uns lockt immer das Abenteuer in der zweiten Reihe und so wurden wir auf eine "echte" Kasbah aufmerksam, die von Caïd Abdellah Aït Chaïr. Skoura Mitten im Palmenhain versteckt liegt die ruinöse und in Vergessenheit geratene Kommandozentrale der Oase Skoura in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir fanden einen Zugang und mit einem Grundriss "bewaffnet" durchstreiften wir die riesige Anlage, bestehend aus mehreren Kasbahs, großen Innenhöfen, Wirtschaftsgebäuden und Ställen. Selbst einen Swimmingpool leistete man sich hier. Im Pavillon auf dem Dach dieses Bauwerkes stehend blickte wir über die Oase Skoura und glaubten manchmal, das Leben und die Stimmen von einst zu sehen und zu hören. Von dort aus sahen wir auch in den Hof der zentral gelegenen Hauptkasbah, die bis um 1970 als Gefängnis genutzt wurde. Die sicher ehemals schönen 2-flügeligen Holzpforten sind hier für kleine 1-flüglige Stahltüren abgemauert, die von außen mit schweren Stahlriegeln versehen sind, die großen Fenster auf kleine Löcher hinter den verzierten Fenstergittern reduziert.
In Skoura erkennt man gut, wie die Bewässerung der Oase einst funktionierte: Überall findet man die Reste von Khettaras. Teilweise sehr tiefliegend und zumindest im Mai trocken.
Dinosaurier In El-Kelâa M'Gouna (Kalaat M'Gouna), an der N10 50 km weiter findet alljährlich im Frühjahr das Rosenfest statt. Hier treffen sich die Familien der Gegend und feiern gemeinsam. Wieder erinnern zahlreiche Überbleibsel an die Vergangenheit. Der Ksar El Quelaa, der der Stadt ihren Namen gab und dessen malerische Ansicht insbesondere im 19. Jahrhundert viele Künstler und Wissenschaftler wie z.B. Théophile-Jean Delaye (als Oberstleutnant Topograph beim Geographischen Dienst der Armee, Zeichner und Aquarellmaler), Henri Terrasse (Archäologe und französischer Historiker), Robert Montagne (Orientalist, Ethnologe und Anthropologe) sowie Denise Jacques-Meunié (Forscherin und Wissenschaftlerin) inspirierten, ihn zu besuchen, erforschen und abzubilden, ist inzwischen leider gänzlich ruiniert. Herrlich hingegen natürlich die Landschaft, hier beginnt das Rosental und lädt zu Wanderungen oder Spaziergängen ein bei denen man auch Spuren von Dinosauriern entdecken kann.

Dadestal In Boumalne kommt der Dadès aus dem Tal des nördlich liegenden Atlas-Gebirges, die N10 hingegen führt weiter nach Osten. Dieses Tal ist wirklich grandios und unvergleichlich, nicht nur wegen der Lehmbauten. Das durchfahren dauerte lange, immer wieder hielten wir an und stiegen aus dem Auto um die Landschaft anzusehen. Unglaubliche Bilder: Z.B. die "Affenpfoten" (warum auch immer sie so heißen) bei Aït Arbi mit seinen Wohnburgen, deren beste Zeiten noch zu ahnen sind. Dennoch kamen wir in einer von ihnen aufs Dach, um noch weiter blicken zu können.
Wer Pause machen möchte, einen Kontrast zu den Kasbahs sucht, geht etwas wandern. In zwei Nebentälern des Dadès gibt es wieder unübersehbare Nachweise dafür, dass auch hier die Dinos unterwegs waren. Lange bevor es die Kasbahs gab. Und vermutlich wird es diese Nachweise noch geben, wenn es die Bauwerke nicht mehr gibt? Beeindruckend große Stapfen von Sauropoden kann man hier an nahezu senkrechten Felswänden entdecken.
Und natürlich mussten auch wir in die Dadesschlucht: Nachdem wir uns über die vielfotografierte spektakuläre Serpentinenstraße, die die Franzosen hier 1933 gebaut haben, nach oben "geschraubt" hatten, ging es wieder hinunter in diese Schlucht. Alles sehr schön und außergewöhnlich.

Todra-Schlucht Aber aus unserer Sicht nichts gegen das, was noch kam: Die Todra-Schlucht. Sie geht in Tinghir ab und schon nach wenigen Kilometern ist man mittendrin, in einem der Bergsteigerparadiese Marokkos. Eine Straße windet sich entlang des Flüsschens am engen Talgrund, rechts und links senkrechte Felswände und am Straßenrand bieten Händler farbige Tücher an - ein toller Farbkontrast. Wir liefen durch das Tal und stutzten, als es sich wieder weitete: Das Flussbett war wohl noch neben uns aber trocken! Und wir waren keinen Kilometer gelaufen! Wo kommt das Wasser her?
Bei Werner Wrage lasen wir von einer gewaltigen Quelle in der Mitte des Tales. Wir konnten sie nicht lokalisieren und vermuteten sie nun unter einer der geschlossenen ehemaligen Groß-Gaststätten.

Tinghir Tinghir (Tinerhir) ist wirklich eine schöne Abwechslung, die alte Lehmstadt aus dem 12. Jahrhundert wurde fast vollständig restauriert und man fühlt sich richtig wohl dort. Mal kaum Ruinen, nette Menschen, sauber... alles gut. Es gab ein jüdisches und mehrere muslimische Viertel. Außerhalb der alten Stadtmauer zwei Marabouts, in denen "Heilige" aus Tamegroute, in der Nähe von Zagora beerdigt wurden, die sich hier angesiedelt hatten. Oberhalb des Ortes liegt ein französisches Fort, daneben die total ruinöse Kasbah der Glaoui. Von dort aus hat man einen hervorragenden Blick zur Moschee Ikelane. Diese nebst Medersa, einer Koranschule sind renoviert und für "Nichtgläubige" zugänglich.

An der "Straße der Kasbahs" gibt es die seltene Gelegenheit in Marokko, sich gleich in zwei wunderschönen Museen über Traditionen, Kultur und Geschichte der Bewohner hier zu informieren.
Lalla Mimouna In El Khorbat ist das Oasis-Museum direkt im Ksar gelegen. Von Roger Mimo finanziert und liebevoll wie detailverliebt eingerichtet, werden hier in den einzelnen Räumen eines ehemaligen Wohnhauses innerhalb des alten, toll rekonstruierten Dorfes viele alte Gebrauchsgegenstände, aber auch Kleidung und Schmuck gezeigt. Einige wichtige Gewerke, z.B. der Lehmbau werden anschaulich dargestellt und erklärt.
Das andere Museum ist gleich in der Nähe: Durch den Sammler, Künstler und Kalligraphen aus Leidenschaft Zaid wurde vor Jahren von der Stadt die völlig verschmutzte Quelle Lalla Mimouna gepachtet und hernach gereinigt und umzäunt. Insgesamt 5 kleine heiße Quellen fanden sich im Müll, berichtet der Pächter. Sie alle wurden durch kleine Pavillons eingefasst. Das weitläufige Gelände wurde nach und nach durch themenbezogene Bungalows erweitert: Zu nahezu jedem Thema - ob Töpferei, Tischlerei, Blechbearbeitung - findet man einen. Selbst ein kleines Wassermuseum ist dabei. Zugleich unternimmt man hier eine Reise durch die Geschichte: Von Pfeilspitzen aus der vorislamischen Besiedlungszeit über Werkzeuge aus Stein bis hin zu Gegenständen der Neuzeit geht sie.
In beiden Museen hier gibt es unendlich viel zu bestaunen, kann man Zeit ohne Ende verbringen.



Weitere Bilder zur Straße der Kasbahs im Fotoalbum:

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