Tata: von Akka bis Tissint, Jbel Bani

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Tata
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Was tut der bewegungslos an dem großen Beton-Wasserbecken kniende Mann in der grauen Djellaba da in der Oase? Wir sind neugierig, gehen näher und sehen, dass er einen Stab ins Wasser hält, an dem etwa alle 5 mm Kerben eingeritzt sind, Holzpflöckchen oder auch kleine Nägel heraus stehen. Wir bekommen erklärt: Das ist der Wasserwärter, er misst die Zeit! Er stellt so anhand des Wasserstandes fest, wie viel Zeit vergangen ist und wann er demnach die Bewässerungskanäle zu den einen Gärten schließen und zu anderen öffnen muss.
Diese und eine weitere Methode der traditionellen Art der Zeitmessung konnten wir in der Nähe von Tata kennen lernen.

Tata

Für viele ist Tata nur eine Station auf der Fahrt zwischen Ost und West, aber es lohnt sich für den motorisierten Besucher schon, etwas zu verweilen. Der Ort selbst ist überschaubar, lebendig und voller freundlicher Menschen. Man findet alles, was man braucht. Mangels Beherbergungsmöglichkeiten im Umkreis ist Tata ein hervorragend geeigneter Ausgangspunkt für das Erfahren der zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Und bereits in direkter Umgebung lockt das Kennenlernen alter befestigter Lehmdörfer.
Von Tata aus kann man auf den beiden wirklich eindrucksvollen Straßen in Richtung Igherm einen noch unbekannteren und touristisch nicht erschlossenen Bereich des Anti-Atlas kennen lernen. Und von Tata aus ist man ebenso schnell in Tissint oder Akka. Aber der Reihe nach.
Moschee

Tata liegt an der N17 (alt N12) und ist Durchgangspunkt auf der Ost-West-Verbindung zwischen Küste und Sahara südlich des Anti-Atlas. Folgt man dieser gut ausgebauten Straße Richtung Osten, geht alsbald die P1800 (alt P1743), eine malerische Straße nach Norden ab und trifft auf die N10 zwischen Taliouine und Taznakht. Auf dem Weg zum Agadir Isserhine (Isserghin, Aserghine) mit seinem lustigen Turm besuchten wir spontan ein anderes kleines Dorf und waren fasziniert und gefesselt: Wir waren in einem alten, im Kern besonders befestigten Dorf gelandet, in welchem offensichtlich einst mit Restaurationsarbeiten begonnen wurden. Obwohl das Dorf unbewohnt und wir allein waren, unterhielten wir uns nur noch flüsternd - so beeindruckt waren wir. Im Dorfkern, einer Festung sahen wir Reste von hohen, 4-geschossigen Häusern, ein Rundgang in der Höhe auf der Festungsmauer gestattete uns, das Zentrum zu umrunden. Wir landeten auf dem Dach der intakten Moschee, die offensichtlich als Einzige im Ensemble fertig gestellt war. Bevor andere Dörfer der Umgebung besichtigt werden, sollte man dieses ansehen!

Weiter auf der N17 (alt N12) liegt an einem Durchbruch des Oued Tissint durch den Djebel Bani das Örtchen Tissint. Der Fluss wird nach den "Kaskaden", einem kleinen Wasserfall in einem Becken aufgefangen, in dem man von klarem, blaugrünen Wasser zum Baden eingeladen wird. Nahe dabei befindet sich entlang einer Wasserrinne das alte befestigte und teilweise noch bewohnte Lehmdorf Tissent. Diese Rinne geht gerade durchs Dorf, beginnt ebenerdig und verläuft nach und nach immer mehr aufgeständert, am Ende mehr als 2 m hoch auf Säulen, unter denen man hindurch gehen kann. Tissint hat etwas Besonderes: Foucauld Hier hat der Franzose Charles de Foucauld, Offizier, Priester, Mönch, Eremit und Forscher, der sich besonders für die Tuareg und Berber interessierte, Ende des 19. Jahrhunderts einige Zeit gewohnt. Versteckt am Dorfrand kann man sein ehemaliges Wohnhaus besichtigen und steht, nachdem man bei der Suche durch verwinkelte, teilweise überdachte Lehmgassen die Orientierung garantiert verloren hat, in diesem kleinen Gebäude. Vom Grundriss und Aufbau wie viele Häuser in den Ksour, 2 Etagen mit Patio, dem üblichen kleinen Innenhof. Besonders interessant und sehenswert macht das Haus die teilweise erhaltenen prachtvollen und farbenfrohen Wand-Bemalungen aus dieser Zeit. Über die Bewohner des Ortes notiert er 1883 voller Begeisterung:
"Dies ist das erste Mal, dass ich gebildete Marokkaner außerhalb der Städte und der Zaouias sehe. Tisint ist ein Wunder inmitten der allgemeinen Unwissenheit. ... An keinem anderen Ort in Marokko habe ich so schöne (Frauen) gesehen ...: sie haben Adel, Regelmäßigkeit, Anmut; ihre Haut ist extrem weiß, zumindest die des Gesichts und der Arme; denn die Gewohnheit, indigoblaue Kleidung zu tragen, zusammen mit der Gewohnheit, sich nie zu waschen, verleiht ihren Körpern dunkle und bläuliche Töne, die sich von ihrer natürlichen Farbe unterscheiden.

Noch ein kleines Stück weiter Richtung Foum Zguid und später Zagora kreuzt die N17 (alt N12) eine Khettara, deren Reste noch erkennbar sind. Und in Mrhimima (Mghimina), im 15. Jahrhundert ein Zentrum des Sklavenhandels, befand sich auch die drittgrößte Glaubensschule Marokkos, die Zaouïa Sidi Abdellah ou M'barek, von der noch einige Ruinen aber auch Marabouts auf den riesigen Friedhöfen erhalten sind. Immer weiter geht die Reise durch die Geschichte: Später liegt direkt an der N9 dann schon wieder ein vorislamischer Steinkreis...

Agadir Amghar,

Folgt man der N17 (alt N12) von Tata nach Westen, durchfährt man zuerst Akka auf dem Weg nach Icht. Kurz vor Akka, nicht weit von der Straße liegt Oum el Alek (wird auch Oum Laaleg, Oum Laalegue oder Tiouinziouine genannt), ein großes Gebiet mit Felsgravuren, in welchem wir auch einen Steinkreis gefunden haben. Angekommen in Akka lohnt sich eine kleine Rundfahrt um die Stadt: Ouzrou, ein befestigtes Dorf mit einem Agadir aus dem 15. Jahrhundert und natürlich der tolle Moschee-Turm in Agadir Amghar, vermutlich aus der Almohaden-Zeit, sind unbedingt einen Abstecher wert.
Gravuren Im Verlauf der nach Norden führenden P1803 fanden wir die größten und schönsten uns bekannten Felsgravuren-Felder in Marokko. Das und die naheliegenden Steinkreise zeugen davon, welches bunte Leben sich hier einst abgespielt hat. Wissenschaftler vermuten Kultstätten gewaltigen Ausmaßes, französische Forschungen laufen aktuell.

Die N7 (alt R109) verbindet Tata mit Igherm. Sie ist gut ausgebaut und so ist man kaum länger unterwegs als auf der deutlich kürzeren aber kurvenreicheren und schmaleren P1805. Neben gnadenlos schöner und abwechslungsreicher Landschaft -aber das ist man ja gewohnt in Marokko- können von beiden Straßen aus zahlreiche Igoudar, die alten Speicherburgen der Berber angesehen werden.
Aït Kine Einer von ihnen bzw. die gesamte umgebende kleine Ortschaft soll wegen seiner zahlreichen Sehenswürdigkeiten besonders gewürdigt werden, Aït Kine. Ca. 10 km Piste ab Tagmoute (P1805) entfernt Richtung Nordosten sieht man schon von weitem eine kleine Oase und einen Wachturm auf dem Felsen darüber. Am Ortseingang erwartet einen ein weiterer von einst angeblich 5 Türmen, aber der einzige, durch den der Zugang zum Ort möglich war. Felsgravuren mit Dolchen, Schlangen und vermutlich arabischen Buchstaben deuten auf eine lange Geschichte hin. Das Dorf war wohl recht wehrhaft -die Lage macht es glaubend- eine Mauer soll es umlaufend geschützt haben. Im Zentrum des kleinen sauberen Dorfes gegenüber der Moschee steht der Speicher, der mit US-amerikanischen Geldern 2012 restauriert wurde und teilweise noch genutzt wird. Der Amin öffnet gern die prachtvolle große Holztür und man betritt den rechteckigen, von 2 Türmen etwas überragten Lehmbau mit den Speicherzellen. Alles ist hervorragend in Schuss, gezeigt werden auch Gebrauchsgegenstände und Dokumente sowie Urkunden aus Papier und Holz. Wer sich auf die Kerbhölzer wagt, gelangt so auch über das Dach bis auf die Türme.
Aït Kine Eine der Besondere in Ait Kine: Hier kann man das Dar El Mourabitine, ein traditionelles Wohnhaus eines Scherif (chorfa), Nachkommen des Propheten Mohammeds ansehen. Das Haus hat hervorragende Bemalungen an Wänden und Decken, verzierte Türen und im Aussengelände gibt es eine funktionierende uralte Ölmühle und eine Ölpresse. Wir wussten bis dahin noch nicht wirklich, wie Olivenöl eigentlich schmecken könnte. Und vor dem Grundstück hinter einer Khettara befindet sich das eingangs erwähnte Wasserbecken mit der "anderen" Wasseruhr. Das Wasser in dieser Oase wird tatsächlich nach diesem Messsystem zugeteilt und geleitet.
Eine bekanntere Wasseruhr, die seit jeher existiert und immer noch im Einsatz ist, befindet sich fast in Tata: in Agadir-Lehne. Wasseruhr Die Khettara, über die das Wasser ursprünglich einem Verteiler zugeführt wurde, verläuft inzwischen in Betonrohren unterirdisch und ist von oben nur noch schemenhaft erkennbar. In einem Pavillon zwischen dem alten Lehmdorf und der Palmerie unterhalb sitzt der Wasserwärter und passt auf die Wasseruhr auf. In einer mit einer Glocke geschlossenen und einer Decke abgedeckten Schüssel schwimmt der Tanast, eine Kupferschale mit einem kleinen Loch unten, durch welches das Wasser langsam eintritt. Nach 45 Minuten ist die Schüssel voll und gleitet dadurch mit einem leichten Scheppern zum Boden des Behälters. Der Wächter macht in ein an der Abdeck-Glocke hängendes Seil einen Knoten und fixiert damit den Ablauf einer Zeiteinheit. Jeder Gartenbesitzer hat ein festes Recht auf einen bestimmten Wasseranteil, dessen Zuteilung durch den Wasserwächter und seine Uhr realisiert wird.

Steinreliefs

An ganz besonderen Besonderheiten :) in der Region müssen auch noch der stillgelegte Kupfer-Bergbau bei Anamer, dessen weiße Abraumhalden man bereits aus der Ferne erkennt sowie die Kalksteinreliefs von Imitek, wo die Natur spektakuläre Steinsäulen geschaffen hat, erwähnt werden.

Natürlich gibt's noch viel, viel mehr Sehenswertes um Tata, erfahren Sie es einfach selbst!