Grotte oder Höhle?

Paradise Valley
• verschwommen in wintimdouine • das längste höhlensystem nordafrikas • farblose schnecken ohne augen • eine unbekannte spezies • stalaktiten und stalagmiten • muscheln in 1200m höhe • versteinerter graswald •

Aus der Diskussion ob Grotte oder Höhle wollen wir uns heraus halten, ist der Unterschied offensichtlich nicht klar definiert. Im Sprachgebrauch wird ein zumeist kleiner, manchmal auch durch Menschenhand nachgearbeiteter Hohlraum als Grotte bezeichnet. Die Höhle ist demnach ein größerer Hohlraum, manchmal mit unterirdischen Gängen und Hallen.

Paradise Valley Fakt ist: Es gibt jede Menge derartiger großer und kleiner Hohlräume in den Gebirgen Marokkos, vor allem im Atlas.
Im Tertiär, also vor ca. 65 Mio. bis etwa 1,8 Mio. Jahren entstand das Gebirge. Die Dinosaurier waren längst "Geschichte". Die Landmassen Europas und Afrikas drückten gegeneinander. Unvorstellbare Kräfte wurden freigesetzt. Die ehemals flache Scholle faltete sich zu einem Gebirge auf. Diese teilweise imposanten Faltungen sind heute noch gut erkennbar. Kann man hier die einwirkenden Kräfte erahnen?
Bei den Faltungen sind große und kleine Hohlräume entstanden. In manchen hat eindringendes Wasser zu wundersamen Formen beigetragen, auch zu Stalagmiten und Stalaktiten. Vereinzelt gibt es unterirdische Bäche, kleine Flussläufe oder auch Seen.

Wintimdouine Noch lange nicht scheinen alle entdeckt. Jahr für Jahr werden von Wissenschaftlern und Forschern neue Hohlräume gefunden. Es ist auch vorgekommen, dass Viehhirten Höhlen gemeldet haben, die sie auf der Suche nach ihren Tieren fanden.
Eine besonders große Häufung dieser imposanten Hohlräume ist aus der Umgebung von Agadir, im Umfeld von "Paradise Valley" und Imouzzer bekannt. Möglicherweise liegt das daran, dass dieses Gebiet besonders gut erschlossen und erforscht ist. Bedeutet das, andernorts gibt es die gleiche Dichte? Geologen und Speläologen (Höhlenforscher) von der Universität Ibn Zohr in Agadir betreiben in ihrem direkten Umfeld langfristige intensive Forschungsprojekte zur Klimaentwicklung und Klimaveränderung in der Region.

Einige wenige können gefahrlos besichtigt werden. Bei zahlreichen anderen ist dies nur mit entsprechender Ausrüstung wie Helm mit Lampen, Neopren – oder Schutzanzug und speziellem Schuhwerk möglich. Etwas Fitness ist hier zusätzlich erforderlich: Leichtes Klettern gehört gleichermaßen dazu wie schwimmen.

Wintimdouine Die sicherlich bekannteste von Ihnen, Grotte Win Timdouin wurde erst 1928 durch Zufall von Bauern entdeckt und ist in fast jedem Reiseführer erwähnt, obwohl sie nicht öffentlich zugänglich ist. Wir meinen: Sie ist zu Recht erwähnt. Win Timdouin ist in vielerlei Hinsicht etwas ganz besonderes. Zuerst einmal ist sie mit ihren geografischen Eckdaten das längste bekannte unterirdische Karstnetz bzw. Höhlensystem Nordafrikas. Davon merkt man natürlich nichts. Aber bereits auf dem Weg dahin findet man (in 1200m Höhe!) versteinerte Muschelabdrücke. Allein der Ausblick, den man von diesem Ausgang über das Tal hat ist es wert; auch das große Becken mit dem klaren Wasser, welches immer aus der kühlen Höhle strömt und zum Baden einlädt. Ein kleines Stück weit kommt der Besucher in der Höhle: Eine schwere Stahlgittertür hindert ca. 50 m tief im Berg am weiteren Zutritt, bereits nach weiteren 30 m beginnt der erste bis zu 9m breite See, der Lac Tamda n'Boubra.
Wintimdouine Das wahre Ausmaß der Höhle ist noch nicht sicher bekannt. Gesichert scheint ein verzweigtes Netzwerk von ca. 19km Länge. Bislang erforscht ist ein 9km langer Fluss, der das Netz durchfließt. Über dieses System entwässert das gesamte Tasroukht Plateau in der Südflanke des Westlichen Hohen Atlas. Deshalb ist die Wasserhöhe in Abhängigkeit von Niederschlägen außerhalb sehr unterschiedlich, was eine große Gefahr birgt: Selbst Wissenschaftler waren hier schon tagelang eingeschlossen, weil sie von Wassermassen überrascht wurden.
Kleine Süßwasserkrustentiere, Käfer, Tausendfüßler, Spinnen, teilweise pigment- und augenlose Schnecken sowie 15 Fledermausarten wurden bislang gefunden. Es scheint so, als ob auch hier eine neue Spezies entdeckt wurde. Aber das ist ja normal für Marokko.
Wandert man auf einem einstündigen Fußmarsch zu den Dinosurierspuren auf dem Plateau oberhalb, ist man immer noch lange nicht am Ende der Höhle!
2019 durften wir an einer Expedition der Uni Agadir teilnehmen, unten unser Bericht dazu.

Assif el Had Viel leichter ist es, die Grotte Assif el Had in der Nähe von Imouzzer in der Nähe von Agadir zu besichtigen. Direkt an der Straße gelegen erreicht man sie über eine Treppe aus Beton. Ungefähr 200 m fließt hier der Oued Tamri unterirdisch, aus einem kleinen Seitenarm in der Grotte kommt Quellwasser hinzu.Man fühlt sich hier wie in einem Dom, aus einem Loch in der Decke fällt zusätzlich Tageslicht.

Imi Nifri Oft erwähnt wird "Imi Nifri" bei Demnate. Imi Nifri bedeutet im Tamazight soviel wie "Mund zur Höhle", so werden natürliche Felsbrücken in Marokko immer wieder genannt. Hier ist es der Oued Tissilt, der ein kleines Stück unterirdisch verläuft. Hier mit einer Besonderheit: Über die Brücke führt die asphaltierte Straße weiter Richtung Aït Bougoumez-Tal.

Messalite Ebenso bekannt ist die Grotte de Messalite in der Nähe von Tata. Die Entstehung ist jedoch eine ganz andere, hat mit den eingangs genannten Faltungen überhaupt nichts zu tun. Es fällt auf: Die oft beschriebenen "Stalagmiten" und "Stalagtiten" verlaufen hier oftmals waagerecht bzw. schräg, also sind es keine. Hier findet man versteinerte Wurzeln eines Bambus- Schilf- oder Rohrwaldes vor, die vom nahe gelegenen Fluss offensichtlich unter- bzw. ausgespült wurden. Sie liegen am Rande eines Flussbettes im Halbkreis aneinander gereiht um einen kleinen Kessel. Hier kann man erkunden, klettern und sich hervorragend verstecken. Ein Naturspielplatz.

Expeditionsbericht Grotte Wintimdouine:

Unterwegs mit Geologen

Kennengelernt hatten wir Prof. El Hassane Beraaouz per Zufall und stellten schnell fest, dass wir zwei ähnliche Leidenschaften haben:
1. das Erstellen von Landkarten mit Hinweisen auf wenig Bekanntes aber ausgesprochen Sehenswertes im Süden des Landes.
2. die Begeisterung an der Natur – Hassane aus Sicht des Geologen und wir aus der Faszination an den unterschiedlichen Facetten des Landes.

Expeditionsvorbereitung Nach ersten gemeinsamen kleinen Grotten-Exkursionen schlug uns Hassane eines Tages vor, ihn und sein Forscherteam in die Grotte Wintimdouine zu begleiten. Unsere Begeisterung kannte kaum Grenzen, hatten wir doch einen Ausgang des wohl größten afrikanischen Höhlensystems im westlichen Hohen Atlas auf 1250m Höhe schon zweimal besucht. Beeindruckend empfanden wir jedes Mal die Aussicht, die sich eröffnet, wenn man das aus der Höhle austretende, in einem Becken gesammelte Wasser erreicht. Enttäuscht jedoch standen wir immer wieder vor dem mit Gittern verschlossenen Höhleneingang und wünschten uns Zutritt.

Dieser Wunsch sollte jetzt Wirklichkeit werden! Am Exkursionstag fuhren wir gemeinsam mit Hassane in sein Labor an der Universität Ibn Zohr in Agadir, in dem bereits vier weitere Mitarbeiter mit der Zusammenstellung der benötigten Ausrüstung beschäftigt waren. Die Batterien an den Stirnlampen der Helme wurden überprüft, Werkzeug eingepackt, Neoprenanzüge und Wasserschuhe anprobiert. Alles wurde in den Uni-Defender und unseren Mietwagen verstaut. Auf der ca. 70 km langen Fahrt war ein Zwischenstopp eingeplant, um in einem Dorf vom Kaid den Schlüssel für das verschlossene Gittertor zum Höhleneingang zu erhalten. Weiter ging es zum Verpflegungseinkauf. Wasserflaschen, Beutel mit Obst, Gemüse, Fleisch, Brot und Keksen füllten die Autos, eine nagelneue Tajine-Schüssel wurde darüber gebettet. Als der nächste Stopp an der Tankstelle statt fand, wurden sieben dicke schwarze Autoschläuche mit Luft aufgepumpt und in den Autos verstaut – der Platz wurde eng, der Gummigeruch in der Wärme beißend! Und: Die beiden Autos waren jetzt tatsächlich voll!

In der Nähe der Höhle angekommen hieß es, das umfangreiche Gepäck zu einem Lagerplatz vor der Höhle zu tragen. Dort wurde als erstes gemeinschaftlich eine Tajine zubereitet und kunstvoll in zwei Schüsseln angeordnet. Anschließend pressten sich alle Exkursionsteilnehmer bei strahlendem Sonnenschein und 25°C in die schwarzen Neoprenanzüge, die von innen schnell mehr als feucht wurden!
Wintimdouine In der Höhle empfingen uns angenehme 14°C Luft- und Wassertemperatur. Wir pflügten durch das anfangs kniehohe Wasser. Lampen wurden eingeschaltet und plötzlich erhielten alle Teilnehmer die Anweisung von Hassane, in die Reifen zu schlüpfen. Wir gehorchten und stellten schnell fest, dass uns die fünf Teilnehmer zwar einen großen Wissensvorsprung voraus hatten und auch schneller zu Fuß waren, wir aber die Einzigen der Gruppe waren, die schwimmen konnten. Wenigstens so konnten wir ein wenig helfend eingreifen, in dem wir Teilnehmer zogen oder anschoben, da ihr Paddeln doch sehr kräftezehrend sein musste. So wurde auch nach jeder Schwimmetappe eine Erholungspause eingelegt. Gelegenheit für uns, die faszinierenden aus Calcit gebildeten Stalagmiten und Stalagtiten zu bestaunen. Gelegenheit für die übrigen Teilnehmer, sich gegenseitig ausgiebig zu fotografieren. Nachdem wir ungefähr 1 km in das Höhlensystem eingedrungen waren, erreichten wir das Ziel der Forscher, die vor Ort jedoch schnell feststellten, dass sie entscheidendes Material draußen vergessen hatten. Ein Freiwilliger begab sich auf den langen Weg nach außen, während wir uns ein bequemes Plätzchen auf einem feuchten Stein suchten, unsere Lampen ausschalteten, um die Batterien zu schonen und in der absoluten Finsternis unseren Gedanken nachhingen … In der Dunkelheit begann Hassane plötzlich, eine Sure aus dem Koran zu singen. Wir lauschten fasziniert.
Langsam kroch die Kälte in den Anzügen hoch und alle waren froh, als der tapfere Schwimmer wieder eintraf, die vorhandenen Messgeräte mit frischen Batterien ausstattete, Daten auslas und zur Rückkehr aufforderte. Wir verschwammen uns noch kurz im Höhlensystem, hatten den richtigen Abzweig verpasst. Aufregend!

Expedition Wie haben wir den Sonnenschein vor der Höhle begrüßt! Wieder in trockene Sachen gekleidet trafen sich alle um die bereits fertig gegarten Tajine-Schüsseln, der Wächter verteilte Thymian-Tee, servierte noch eine Schüssel voll Couscous mit Gemüse, während die Neoprenanzüge auf den Felsen in der Sonne trockneten. Als das doch deutlich geringere Gepäck – zwei der Reifen waren in der Sonnenhitze geplatzt, der Rest wurde von der Luft befreit – in den Autos verstaut war, traten wir angefüllt mit unbeschreiblichen Erinnerungen den Rückweg an.

weiterführende Informationen:

touristische Landkarten Blatt J12: Grotten und Dinospuren um Imouzzer