Ouarzazate, Aït-Ben-Haddou und Ounila-Tal

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Ounila-Tal
• sandsturm bei ouarzazate • allein in aït-ben-haddou • ein geschlossenes kassenhäuschen • ein pool bei über 40°C • ein seltener blick in ein marabout • karawanenweg von timbuktu nach marrakech • viele störche •

Wer putzt nach einem Sandsturm die in 400 Reihen à 300 m Länge angeordneten etwas über eine halbe Millionen Parabolspiegel des Sonnenwärmekraftwerkes Noor 1 bei Ouarzazate?
Diese Frage stellte sich uns, als wir die erste von vier Bauphasen des uns bereits jetzt schon riesig erscheinenden Parabolrinnenkraftwerkes ansehen wollten, uns jedoch aus dem Auto nicht heraus trauten, weil es von einem heftigen Sandsturm durchgerüttelt wurde.
Kasbah Taourirt Aber bereits 20 km weiter in Ouarzazate war alles wieder in Ordnung und der Himmel erwartungsgemäß blau. Gleich 3 Kasbahs der Glaoui bzw. dessen Khalifen mit den dazu gehörenden umliegenden ursprünglichen Dörfern gibt es hier bzw. in der direkten Umgebung. Zwei davon, die Kasbah des Glaoui von Talmesla und die des Glaois von Tifoultout lassen den ursprünglichen Prunk nur noch höchstens ansatzweise erahnen. Im Hotel-Anbau der Kasbah Tifoultout lassen sich noch ein paar originale Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände entdecken. Einige Teile der Kasbah des Glaouis von Taourirt samt umgebenden Ksar im Zentrum von Ouarzazate gegenüber vom Filmmuseum sind repariert und restauriert und können besichtigt werden. Die Beschreibung überlassen wir gern wieder Werner Wrage in seiner seiner "Straße der Kasbahs":

Glaoui Kasbah Ouarzazate kündigt sich durch die hoch aufragende Kasbah Taourirt an. Es tritt uns hier eine Kasbah entgegen, die aus einem eng zusammengebauten Ksar besteht. Die Häuser sind so hoch und lehnen sich so aneinander, daß von draußen der Eindruck eines einzigen festungsartigen Baues entsteht. Schmale Gassenschluchten durchziehen diese Berberstadt. Wenn man sie zum erstenmal sieht und mit der Welt des Südens noch nicht vertraut ist, stockt fast der Atem. Über dem Trockenbett eines Oueds wächst da plötzlich eine seltsame Hochhausstadt, ein „Chikago der Wüste”, eine „Skyline”, aus dem Schutt der Hammada. Erregend durch archaische Formen, an Südarabien erinnernd oder an Vorstellungen, die man vielleicht von Babylon und anderen Städten des frühgeschichtlichen Orients hegt, ineinander verschachtelt, überragt von turmartigen Bauten, teilweise zinnengekrönt. Und das alles aus Stampflehm und Luftziegeln!
Aber auch wenn nur 5 bis 7 Stockwerke übereinander getürmt sind, so ist das eine imposante Leistung. Leider haben Regengüsse und vielleicht auch andere Ereignisse einige der Bauten in Trümmer sinken lassen, so daß der romantische Glanz aus der Nähe betrachtet von einem Hauch des Verfalls getrübt wird.
Hier in der Kasbah Taourirt gibt es übrigens sogar ein Mellah, eine geschlossene jüdische Siedlung. Wir schweifen ein wenig durch die engen Gassen, deren dunkelbraunrote Lehmmauern hoch über uns aufragen. In einem Gewölbe hockt ein bärtiger, bebrillter Jude mit der typischen schwarzen runden Kappe und arbeitet an einem Silberschmuck. In einem gedeckten Durchgang sitzt ein anderer und liest in einem hebräisch geschriebenen Buch, vielleicht dem Talmud. Man führt uns in eine kleine im Erdgeschoß eines Hauses gelegene düstere Synagoge mit einem Thoraschrein.

Synagoge Taourirt

Ob es sich hier um die Synagoge Bet Knesset handelte, in der wir eine Teppichmanufaktur vorfanden?
Interessanter für uns war es, in der Kasbah die ineinander geschachtelten Räume, die durch unzählige Treppenhäuser miteinander verbunden sind, zu erkunden. In den unteren Etagen meist schlicht gehalten, werden diese, je weiter man nach oben kommt höher und farbenprächtiger. Hier sind dann die Wände mit Fliesen und die Decken aus spanischem Rohr farbig verziert.
Bevor es weiter nach Aït Benhaddou geht, kommt man an der N9 an den Filmstudios von CLA und Atlas vorbei, die neben Ihren Studios gern die abwechslungsreichen Landschaften der Umgebung für Ihre Filmproduktionen nutzen. Filmstudio In Aït Benhaddou selbst erkennt man die nicht zum Ort gehörenden recht dominanten Filmkulissen, die nach den Dreharbeiten stehen geblieben sind. Möglicherweise sollen diese Überbleibsel Touristen anlocken? Im Ksar wurden unter anderem "Jesus von Nazareth", "Der Medicus" und "Die Päpstin" gedreht. In Ouarzazate wurden zahlreiche Kinoproduktionen hergestellt, z. B. "Sodom und Gomorrha" von Robert Aldrich, "Gladiator" von Ridley Scott oder "Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil" mit Michael Douglas und Kathleen Turner. Scorsese drehte hier "Die letzte Versuchung Christi und "Kundun", mindestens einen James Bond ("Der Hauch des Todes")gibt es von hier und der "Himmel über der Wüste" von Bertolucci selbstverständlich auch.
Marabout Rings um Ouarzazate entlang der Oasengärten befinden immer wieder kleine alte Lehmdörfer. Besonders bemerkenswert erschien uns neben dem Dorf Tikirt mit seinen von der N9 aus unübersehbaren Tighermatin (Plural von Tighremt) das Dorf Tazentout. Hier gab es einst eine Speicherburg, die unter dem Schutz eines Marabouts stand, welches in mitten des ruinösen Lehmdorfes gut erhalten ist.
Etwas weiter auf der N9 in Richtung Marrakech fahrend kommt man an der Ruine des Tighremt Lahcen Znifi in Tadoula n’Oumghar vorbei. In Tisguidelt sind die Ruinen des ehemaligen Sultanspalastes schnell gefunden und in El Mdint kann man das schöne Tighremt El Mokadem ansehen.
Weiter Richtung Telouet: Nur unweit befindet sich das aufgelassene Marabout Sidi Abdellah Jaafar. Eindrucksvoll die unter dem Gewölbe der Koubba liegenden Grabstellen. Direkt gegenüber in der Oase gab es den Blick zum Marabut Sidi Abderrahmane frei.

Allein in Aït-Ben-Haddou während des Ramadan. Gut so für uns. Unbehelligt von den in den Reiseführern angekündigten Bussen von Touristen und von echten wie unechten Reiseführern ("faux guides") hatten wir Gelegenheit, uns diesen Ksar, diese auf der Liste der UNESCO als Weltkulturerbe registrierte befestigte Altstadt anzusehen. Aït-Ben-Haddou Durch enge Gassen vorbei an zahlreichen super restaurierten ineinander verschachtelten Tighermatin ging es immer weiter bergauf. In einer dieser Familienburgen stiegen wir auf engen Treppen hinauf bis aufs Dach, wo wir einen tollen Ausblick über die komplett aus Lehm errichtete Siedlung und die anderen Wohnburgen mit ihren mit Zinnen verzierten Ecktürmen hatten.

Früher hieß der Ort wohl Ait Zineb Ait Aissa. Damals wurden nur Baumaterialien der unmittelbaren Umgebung verwendet: Der Lehm wurde direkt vor Ort gewonnen und mit Strohhäcksel, Wasser und weiteren Beigaben angemischt und in Stampflehm-Bauweise (Pisee oder auch Pisé) verarbeitet, Decken und Stürze sind aus Holz und Rohr der Region. Die oberen Etagen wurden aus luftgetrockneten Lehmziegeln gesetzt, wodurch sich die reichhaltige aber auch besonders wetteranfällige symbolträchtige Ornamentik herstellen ließ. Nach außen hin fast fensterlos, umgrenzt der in seiner Grundfläche quadratische Bau einen Innenhof, welcher manchmal auch erst in den oberen Etagen, den Wohnetagen beginnt. Der architektonisch ausgeklügelte und über Jahrhunderte verbesserte Aufbau ist immer der gleiche: Unten ist Platz für die Tiere, darüber wurden die Vorräte gelagert. Der bzw. die oberen Etagen waren Wohnzwecken vorbehalten. Die Vorzüge des natürlichen Rohstoffes Lehm waren hier besonders wertvoll: Neben einer guten Temperaturregulierung und Dämmung sorgt er auch für einen Feuchtigkeitsschutz. Lehmbau Gesichert wurden die Häuser durch schwere massive Holztüren, die oftmals kunstvoll verziert sind.

Oben auf dem Hügel angekommen standen wir nach durchqueren einer Festungsmauer auf einem großen leeren Platz, in dessen Mitte sich ein nur mit wenigen Lüftungsschlitzen versehenes restauriertes Gebäude befindet. Leider konnten wir keinen Blick ins Innere werfen und glauben deshalb der Literatur und auch den Schildern vor Ort, die behaupten, es sei ein Ighrem, eine Speicherburg. Andere meinen, es seien die Reste einer Kasbah. Mag auch sein, denn als Speicher für das große Dorf erschien uns der Bau etwas zu klein. Oder es war eine Festung mit einem Igherm im Zentrum für das Allerwertvollste? Auch denkbar. Andere Quellen berichten an dieser Stelle von einem Sultanspalast aus dem 12. Jahrhundert. Imposant allemal.
Von hier oben sahen wir auch etwas anderes: Einen Pool, den wir bei über 40° gern genutzt hätten. Möglich wär es wohl gewesen - aber da wir es nicht wussten, hatten wir keine Badesachen mit.
Dennoch genossen wir den Blick über den Ksar und das gewaltige Flusstal des Oued Mellah, welches sich hier Richtung Süden in der unendlich scheinenden Ebene verliert.

Glaoui Kasbah 5 km von Aït-Benhaddou talaufwärts, wo der Assif Ounila in den Assif Mellah mündet, liegt Tamdakht (Tamedakhte, Tamdaght). Ein kleines Dorf mit der Ruine einer weiteren Glaoui-Kasbah mit zahlreichen Storchennestern, 3 oder 4 Tighermatin und dem Marabut von Sidi Abderrahmane Ali.
Als wir hier waren, war "Aïd al Fitr", das Fest des Fastenbrechens (oder auch Zuckerfest). Da ist alles anders in Marokko. Gefeiert wird bei diesem 3-tägigen Familienfest das Ende des Ramadan, wo das gesamte öffentliche Leben ruht und tatsächlich alles geschlossen hat. Alle sind mit ihren Familien zusammen, es wird gefeiert und die Kinder bekommen kleine Geschenke. An so einem besonderen Tag bekommt man natürlich auch keinen Einlass in einer Kasbah. Daneben die Tighermatin schön rekonstruiert und als Gästehaus hergerichtet.

Auf der anderen Flussseite etwas aufwärts liegt Tazlaft mit einem rekonstruierten Agadir aus dem 17.Jahrhundert. Im Inneren gab es eine sehr schöne Holz-Stroh-Decke. Überall im Stampflehm erkennt man noch die Strohbeimengungen. Auf dem Dach stehend erkannten wir gut die Funktion der Speicherburgen als Nachrichtenkette: Wir sahen die Tighermatin von Tamedakhte. Hier war es sicher kein Problem, einander Informationen weiter zu geben.

Weiter verläuft die kurvige, schmale Ounila-Talstraße im oberen Drittel des steilen Hanges. Manchmal führt sie auch hoch auf die große karge Hochebene und man erkennt vom Tal nur noch einen schmalen Einschnitt in dieser braunen unendlich scheinenden Fläche. Wenn dieser Einschnitt etwas breiter wurde und wir hinein sehen konnten, war es in der Tiefe grün. Dem umgebenden Fels farblich angepasste rote Häuser klebten an den Hängen und im Grund glitzerte ein kleines Rinnsal. An mehreren Stellen sahen wir die Ruinen einer Kasbah, eines Tighremts aus vergangenen Zeiten. Einfach eine tolle Landschaft! Und irgendwie ein bisschen märchenhaft.
Vorbei an der malerisch direkt am steil abfallenden Talrand auf dem Hochplateau gelegenen Ruine des Sultanspalastes „Forteresse de Barda“ aus dem 12.Jahrhundert hatten wir die Reste einer Speicherburg in der steilen Felswand gesichtet. Tighremt Ganz in der Nähe der Ruinen des dennoch imposant dastehenden Tighremt n'Aït Attou erkundeten wir Ighrem n'Assaka. Auf kleinen Pfaden ging es hinab ins Tal, auf der anderen Seite wieder hoch ins gegenüber liegende Dorf. In halber Höhe erreichten wir schnell die Reste des Speichers, die immer noch eindrucksvoll genug waren: Der Steinbau folgte waagerechet einer Verwitterungsfalte im Gestein, senkrecht nutzte er an einer Stelle über mindestens 3, scheinbar sogar 5 Etagen eine kleine Schlucht und von dieser aus verteilte sich der Bau dann über weitere 2 waagerechte Falten. Teilweise standen die Speicherwände auf aus der Felswand heraus stehenden Holzstangen. Wie überall hatte die Dorfjugend uns schnell entdeckt und kam geeilt, um zu sehen, was es so gibt. Geschwind kletterten sie über die noch vorhandenen Kerbbäume (die älteste Form der Leiter: ein Stamm mit eingehauenen Kerben) nach oben, um uns triumphierend viele Meter über uns in der Wand aus kleinen Fensterchen zu zusehen.
Bei genauem Hinsehen sahen wir in der gegenüber liegenden Talwand in gleicher Höhe ebenfalls in dieser waagerechten Verwitterungsfalte liegend Gebäudereste. Wir haben uns vorgestellt: Möglicherweise war hier mal ein ganzes Dorf von oben und unten gut gesichert, und auf Beobachtungsposten des alten Karawanenweges unten im Tal zwischen Timbuktou und Marrakech?

Anemiter 35 km von Aït-Ben-Haddou entfernt ist ein größerer Talkessel, der Assif Ounila kommt hier aus dem Osten und westlich zweigt die Straße zum 10 km entfernten Telouet ab. Hier liegen einige malerische Orte wie Anguelz, Ighouane und Timsal in der Senke, in denen einige sehr schöne Tighremts und Kasbahs stehen. Hier befindet sich auch Anemiter (Animiter), welches Werner Wrage in seinem Buch "Die Strasse der Kasbahs" beschreibt. Er empfand es bei seiner abenteuerlichen Reise um 1965 als ebenbürdig aber –da von der touristischen Entwicklung bereits damals verschont- auch als urwüchsiger als Aït-Ben-Haddou. Wir sahen die Überreste von einigen bemerkenswert verzierten alten Gebäuden, die uns das glauben machten.