Vergessene Schätze im Berberland:

Agadir / Ighrem / Speicherburgen / Tighremt nach Regionen:


Igoudar um Ait Baha/Tizourgane Igoudar um Igherm Igoudar zwischen Tafraoute und Tata Igoudar zwischen Amtoudi und Icht Ighrman Taliouine und Djebel Siroua Ighrman Hoher Atlas Südseite Ighrman Hoher Atlas Nordseite Igoudar im westlichen Hohen Atlas-Gebirge Igoudar im östlichen Anti-Atlas OSM CC BY-SA 2.0 Igoudar in Marokko

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Agadir Itourhaine Die Igoudar (Mehrzahl von Agadir) - ein Thema für sich. In Amtoudi sahen wir die ersten dieser Speicherburgen, hier französisch greniers collectifs, greniers citadelles oder grenier fortifié (engl.: fortified granary, und wie wir meinen zu Unrecht auch einfach nur barn oder attic) genannt. Erhaben auf einer Felsspitze thronen sie über dem Tal und scheinen aus Bruch- und Lesesteinen der Umgebung errichtet mit dem Felsen darunter verwachsen zu sein.

Erst nach und nach wurde uns klar, dass wir (neben Arganbäumen und Berberaffen) eine weitere -bei genauerem Hinsehen gar nicht mal so seltene- Besonderheit Marokkos "entdeckt" hatten, die uns bis dahin gänzlich unbekannt war.

Inzwischen wissen wir: einmal im Gebirge angekommen, ist die nächste Speicherburg nicht weit. Egal ob in Tafraoute, Aït Abdellah, Aït Baha, Igherm, Taliouine, Icht oder Tata: Man muss nur wissen wo.

Agadir

In einem Streifen entlang des Gebirges vom Antiatlas über den Djebel Siroua bis zum Hohen Atlas sind sie anzutreffen, weit mehr als 200 dieser Igoudar. Seltener in ihren Ursprüngen bis zu 1000 Jahre alt (z.B. Agadir Tasguent), meistenteils wohl aus dem 16. und 17 Jahrhundert, haben diese eigentümlichen, teilweise weltfremd anmutenden, vielleicht entfernt mit unseren Burgen vergleichbaren Bauten die Zeit in unterschiedlichem Erhaltungszustand bis heute überdauert. Sie wuchsen entsprechend dem Bedarf. Immer wieder wurde angebaut und aufgestockt, was man gerade von außen oftmals gut erkennen kann. Deshalb lassen sich die Berberburgen meist nicht genau datieren, nur in wenigen Fällen ist etwas über deren Anfänge bekannt.

Ighrem

Im Hohen Atlas und Djebel Siroua findet man im 19. und 20. Jahrhundert errichtete, durch die Nutzungsart verwandte Bauten zumeist in Lehmbauweise auf einem Sockel aus Lesesteinen. In diesen niederschlagsreicheren Gebieten wurde oftmals die der Wetterseite zugewandte Lehmwand ebenfalls mit Lesesteinen verblendet und so vor schneller Auswaschung geschützt.
Was in der Berbersprache des Antiatlas (Taschelhit) als Agadir bezeichnet wird, ist in der Sprache im Hohen Atlas und Jebel Siroua (Tamazight) ein Ighrem, Mehrzahl Ighrman.

Tighremt Der Vollständigkeit halber:
Weiter im Süden/Südosten haben diese Bauwerke eine zusätzliche Wohnfunktion für eine Familie oder einen Stamm. Das nomadische Leben war nicht an der Tagesordnung. Diese befestigten Wohnhäuser, "Wohnburgen", werden in der Sprache der Imazighen ("Berber") Tighremt (Mehrzahl Tighermatin) genannt. Sie waren in der Regel dauerhaft bewohnt. Das Erdgeschoss diente den Tieren als Stall, darüber befanden sich Lager-, Wohn- und Wirtschaftsräume. Auf dem Dach war eine Sommerküche.

Genauso wie die zahlreichen unterschiedlichen Nutzungsarten sind die Begriffe verwässert: Oftmals wird für diese Berber-Bauwerke in Lehmbauweise heute auch das arabische Wort Kasbah verwendet.
Und so zahlreich und unterschiedlich wie die Bezeichnungen ist die Vielfalt dieser Bauwerke. Eins jedoch haben alle gemeinsam: Sie sind faszinierend.

Agadir An repräsentativer Stelle wie eingangs beschrieben, manchmal gut versteckt oder mitten in Ortschaften wurden sie als kollektive Kornkammern, als Getreidespeicherburgen von einem Dorf oder einer Familie, einem Stamm erbaut und genutzt. Für diese zuvor aufgeführte unterschiedliche Lage war der Zweck verantwortlich und entscheidend: Im Übergangsgebiet zwischen Flachland und Anti-Atlas (Sahara-Rand: z.B. die Igoudar um Amtoudi Id Aissa und Agellouy, Souss-Ebene z.B. Agadir Tazzeka) dienten die Speicher uneinnehmbar als Schutz vor Angriffen von Steuereintreibern und Razzien befeindeter Stämme aus Nachbardörfern sowie Nomaden. Aber keine Regel ohne Ausnahme: In der Gegend um Aït Abdallah (z.B. Tasguent) und um den Jbel Sirwa lassen sich derartige Festungen finden. Und gleich noch eine Ausnahme am Jbel Sirwa und im Ounila-Tal: Hier fanden wir Igoudar in Felswände gebaut. In letzterem gibt es einen gut erhaltenen Höhlenspeicher, der weit in den Felsen hineingebaut ist.

Agadir Itourhain, Portal Zurück zur Lage: Im zentralen Antiatlas wollten halbnomadisch lebende Stämme während ihrer Abwesenheit ihr Hab und Gut durch wenige Familienmitglieder geschützt wissen. Zusätzlich ging es darum, Vieh (Schafe und Ziegen) einzubeziehen; die Anlagen waren entsprechend groß und verfügten über Höfe und genügend Raum zur Lagerung von Futter. Diese Berberburgen lagen in bzw. in der Nähe von Dörfern.
In manchem Agadir gab es eine Moschee, eine Schmiede, eine Mühle, eine Schmuckwerkstatt und sogar eine kleine Gefängniszelle. Immer waren Zisternen als Wasserspeicher Voraussetzung. Viele waren durch Türme, einen Mauerring um den eigentlichen Speicher (der nur durch schwere, eindrucks- wie kunstvolle Portale begehbar war) und oftmals noch durch eine zusätzliche Hecke aus Feigenkakteen geschützt. Ganz ausgeklügelt und raffiniert: Nicht nur im Agadir Meherz dienten Bienenstöcke in der Felswand unterhalb des Speichers als zusätzliche Barriere.

Getreidevorrat Manchmal war nur jede fünfte Ernte ertragreich: In diesen Speicherburgen konnten die kargen und unsicheren Ernten (z.B. Gerste, Mandeln, Datteln und Feigen), Lebensmittel (z.B. geschmolzene Butter, Honig, Oliven- und Arganöl; lt. einem Bericht von Jacques-Meunié um 1945 auch Trockenfleisch und Heuschrecken) sowie Dokumente wie Urkunden, Geld, Schmuck (Henna), Kleidung und Teppiche, selbst Waffen und Munition sicher gelagert und vor Angreifern geschützt werden. Kurz gesagt: Alles, was von Wert war, wurde während der Abwesenheit der teilweise halbnomadisch lebenden Stämme geschützt.

Amin Für den äußeren und inneren Schutz waren Wachen aus der Dorfgemeinschaft eingesetzt. Ein Wächter, der Amin sorgte für die Sicherheit im Inneren. Er wohnte zuweilen mit seiner Familie im Speicher, schloss abends die Tür und öffnete am Morgen wieder. Stammesfremden, Frauen und Juden gestattete er den Zutritt nicht. Entlohnt wurde der Amin von den Kammer-Besitzern mit Lebensmitteln und kleinen Geschenken, seltener mit Geld.
All das wurde in einem Gesetzbuch der Gewohnheitsrechte ("Louh") fixiert, welches sich in jedem Speicher befand. Dokumente wurden auf Papier oder auf Holz geschrieben. Dokumente Es wurde alles, wirklich alles festgehalten: nicht nur nachbarschaftliche Verhältnisse wurden fixiert und beurkundet. Es wurde notiert, wem welche Kammer gehört und wer für die Reparaturen zuständig ist. Strafen für jeglichen Bruch der gemeinschaftlichen Gesetze waren bedacht. Selbst der Amin und dessen Katze kamen zu ihrem Recht, Lohn und Futtermengen waren für beide festgehalten. Im Gegensatz zu den als schmutzig empfundenen und deswegen im Speicher nicht gern gesehenen Hunden wurde die Anwesenheit von Katzen gefördert, die durch teilweise eigens dafür hergestellte Öffnungen in alle Kammern durften, um auf Mäuse- und Rattenjagd gehen zu können. Es sollen Aufzeichnungen gefunden worden sein, die explizit den Hühnern des Amins gestatteten, sich im Hof des Speichers aufzuhalten und dort befindliches Getreide weg zu picken, fremde Hühner indes durfte der Amin als Lohn betrachten - sie landeten in dessen Kochtopf und wurden zu "einer köstlichen Speise".

Dokumente Aber nicht nur diesen Zweck hatten die Burgen, vergleichbar mit dem Safe, dem Tresor in einer Bank: Darüber hinaus waren die meisten Burgen zugleich von einem oder mehreren Marabout (Marabou, Marabut), islamischen Heiligen mit Báraka aufgeladen, hatten Segenskraft erhalten und waren somit geheiligt. Es wurde weder Betrug, Diebstahl, Lügen, Ehebruch oder Mord geduldet. Oftmals diente der Speicher zusätzlich als Ort der Zuflucht, selbst Mördern konnte kurzzeitig Schutz und Asyl gewährt werden.
In den Speicherburgen wurden Verträge abgeschlossen, Recht gesprochen und sie spielten eine wichtige Rolle im Gemeinschaftsleben auf religiöser und politischer Ebene.

Hozschloss Nur dank der hohen Bauqualität der Berberarchitektur haben einige dieser Kornkammern bis jetzt überdauert, nur wenige werden heute noch genutzt. Traditionelle Nutzung fanden wir häufiger bei Speichern im Djebel Siroua vor. Hier befinden sich (abgesehen von den restaurierten) einige der am besten erhaltenen Bauwerke.
In manch einem Agadir dienen die Zellen immer noch als Safe für die in die Städte abgewanderten Dorfbewohner, die für 50 DH/Jahr oder gegen Entlohnung mit Lebensmitteln ihre Wertsachen deponieren können. Der Amin, der Wächter lässt einen tatsächlich nicht aus den Augen!

Speichertüren Ganz wenige Zellen sind noch mit den originalen alten Holztüren gesichert, die teilweise mit Malereien oder Schnitzereien kunstvoll verziert waren.
Schlösser jeglicher Bauart, die ältesten komplett aus Holz, sichern die Kammern ab. Aufgrund der genialen Konstruktion sollen sich in den Kammern Gerste bis zu 25 Jahre, Mandeln bis zu 20 Jahren und die Früchte des Arganbaumes gar bis zu 30 Jahren lagern lassen!

Maison Traditionelle In einigen ganz wenigen Igoudar gibt es eine Art kleines Museum, in dem man -ähnlich wie in den Berberhäusern, den "Maison Traditionelle"- die alten Gebrauchsgegenstände und Urkunden betrachten kann.

Manche dieser Bauwerke sind nur zu Fuß oder mit einem Geländewagen erreichbar und es ist zeitaufwändig aber auch absolut lohnend, wenn man dann in so einem Gebäude steht. Irgendwie gelingt es fast immer, Einlass zu erhalten, mit etwas Geduld und Ausdauer findet sich im nahe gelegenen Ort ein Führer oder der Schlüsselbesitzer. Manchmal wird der Schlüssel einfach aus einer Fuge im Gebäude gezogen oder ist unter einem Stein versteckt...

Agadir Leider wird nur sehr vereinzelt etwas für den Erhalt der einst so stolzen Bauwerke getan; nur in Einzelfällen wurden einige restauriert. Oftmals steht man in den nach jedem Regen weiter verfallenden Überresten, kann sich nur noch die Ausmaße der Bauten und die traditionellen Lebensweisen darin vorstellen und daraus Rückschlüsse auf die Denkweisen der Berber Südmarokkos ziehen.
Aber selbst das ist noch beeindruckend genug.
Sicher scheint derzeit, dass der Verfall zahlreicher Gebäude, Anlagen und Komplexe immer schneller voranschreitet und immer weniger dieser einmaligen Bauwerke besichtigt werden können.

Wissenschaftler, Forscher und Kenner der Materie beurteilen den kulturellen Wert insbesondere der Igoudar als in hohen Grade schützenswert und sind der Meinung, dass diese auf jeden Fall zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören sollten.
Mit einem Besuch zeigt man der Bevölkerung die Wertschätzung und übermittelt die Notwendigkeit des Erhaltes und der Pflege dieser einzigartigen Bauwerke, von denen sich nicht zwei gleichen.

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Quellenangabe, Literaturhinweis und Buchempfehlungen:

Es gibt es zu den Igoudar (genauso wie zu den Berbern, deren Kultur und Architektur) kaum aktuelles Informationsmaterial. Das ist auch der Grund dafür, dass wir uns bemüht haben, zumindest zu diesen Burgen aus unterschiedlichen Quellen einiges zusammen zu tragen. Neben eigenen Beobachtungen und Gesprächen vor Ort haben wir unsere Informationen aus folgenden Quellen, die wir deswegen zugleich auch für weitere Informationen empfehlen.
(Bei den Internet- und Literaturverweisen gibt es einige weiterführende und sehr interessante Links!):

Wkipedia: Igoudar (Speicherburgen)

Literatur:

Marokko Erfahren: touristische Landkarten Verlag ProjektNord
Marokko Erfahren: "GPS Waypoints Marokko - Morocco - Maroc" Verlag ProjektNord, Kiel ISBN 978-3-931099-17-6
Arnold Betten: "Marokko Kunst-Reiseführer" DuMont Reiseverlag, Ostfildern ISBN 978-3770139354
Herbert Popp, Mohamed Aït Hamza, Brahim El Fasskaoui: "Les agadirs de l'Anti-Atlas occidental. Atlas illustré d'un patrimoine culturel du Sud marocain." Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Bayreuth 2011, ISBN 978-3-939146-07-0.
Salima Naji: "Greniers collectifs de l'Atlas: Patrimoines du Sud marocain" Edisud, ISBN 978-2744906459
Denise (Djinn) Jacques-Meunié: "Greniers-citadelles au Maroc", deux volumes, Paris, Arts et Métiers Graphiques, 1951, nur noch antiquarisch erhältlich
Denise (Dj.) Jacques-Meunié: "Les greniers collectifs au Maroc", Compte rendu de mission (1941-1942) in: Journal de la Société des Africanistes, 1944
Igoudar….un patrimoine dans les plis de l’oubli
Robert Montagne: UN MAGASIN COLLECTIF DE L'ANTI-ATLAS, L'Agadir des Ikounka. HESPÉRIS TOME IX Année 1929
Pierre Dupas: NOTE SUR LES MAGASINS COLLECTIFS DU HAUT-ATLAS OCCIDENTAL. HESPÉRIS TOME IX Année 1929