Vergessene Schätze im Berberland:

Agadir / Ighrem / Speicherburgen / Tighremt nach Regionen:


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Die Igoudar (Mehrzahl von Agadir) - ein Thema für sich. In Amtoudi sahen wir die ersten dieser Speicherburgen, hier auch französisch greniers collectifs, greniers citadelles oder grenier fortifié (engl.: fortified granary, zu Unrecht auch einfach nur barn oder attic) genannt. Erhaben auf einer Felsspitze thronen sie über dem Tal und scheinen aus Bruch- und Lesesteinen der Umgebung errichtet mit dem Felsen darunter verwachsen zu sein.

Agadir Itourhaine

Erst nach und nach wurde uns klar, dass wir hier (neben Arganbäumen und Berberaffen) eine weitere -bei genauerem Hinsehen gar nicht mal so seltene- Besonderheit Marokkos "entdeckt" hatten, die uns bis dahin gänzlich unbekannt war.

Inzwischen wissen wir: Einmal im Gebirge angekommen, ist die nächste Speicherburg nicht weit. Egal ob in Tafraoute, Ait Abdellah, Ait Baha, Igherm, Taliouine oder Icht: Man muss nur wissen wo.

In einem Streifen entlang des Gebirges vom Antiatlas über den Djebel Siroua bis zum Hohen Atlas sind sie anzutreffen, wohl weit mehr als 200 dieser Igoudar. Seltener in Ihren Ursprüngen bis zu 1000 Jahre alt (z.B. Agadir Tasguent), meistenteils wohl aus dem 16. und 17 Jahrhundert, haben diese eigentümlichen, teilweise weltfremd anmutenden, vielleicht entfernt mit unseren Burgen vergleichbaren Bauten die Zeit in unterschiedlichem Erhaltungszustand bis heute überdauert. Sie wuchsen entsprechend dem Bedarf. Immer wieder wurde angebaut und aufgestockt, was man gerade von außen oftmals gut erkennen kann. Deshalb lassen sich die Berberburgen meist nicht genau datieren, nur in wenigen Fällen ist etwas über den Anfang bekannt.

Im Hohen Atlas findet man im 19. und 20. Jahrhundert errichtete, durch die Nutzungsart verwandte Bauten zumeist in Lehmbauweise. In diesen niederschlagsreicheren Gebieten wurde oftmals die der Wetterseite zugewandte Lehmwand mit Lesesteinen verblendet und so vor schneller Auswaschung geschützt.
In der Sprache der im Hohen Atlas ansässigen Berber werden diese Speicher als Igherm bezeichnet. Ein Igherm mit zusätzlicher Wohnfunktion wird Tighremt (Mehrzahl Tighermatin) genannt. Diese befestigten Wohnhäuser, "Wohnburgen", waren in der Regel dauerhaft bewohnt und das Erdgeschoss diente zumeist den Tieren als Stall.

Tizourgane

Genauso wie die zahlreichen unterschiedlichen Nutzungsarten sind die Begriffe verwässert: Oftmals werden diese Bauwerke in Lehmbauweise heute auch Kasbah genannt, bei welchen jedoch ursprünglich politische und somit zumeist militärische Aspekte im Vordergrund standen. (Abgesehen davon, dass Kasbah auch für ein Viertel in einer arabischen Stadt stehen kann...)
Wir habe uns inzwischen abgewöhnt lange darüber nachzudenken, wie man das ein oder andere Bauwerk wohl nennen könnte, wo es einzuordnen wäre und nutzen die so gewonnene Zeit für eine Besichtigung! (Denken wir z.B. nur an die "Kasbah" Tizourgane, die gern auch mal als Agadir bezeichnet wird: Tizourgane ist weder Agadir noch Kasbah sondern eigentlich ein Ksar, ein befestigtes Dorf!)
Genauso zahlreich und unterschiedlich wie die Bezeichnungen ist auch die Vielfalt dieser Bauwerke. Eins jedoch haben alle gemeinsam: Sie sind faszinierend.

im Agadir Agtel

An repräsentativer Stelle wie eingangs beschrieben, manchmal gut versteckt aber auch mitten in Ortschaften wurden sie als kollektive Kornkammern, als Getreidespeicherburgen von einem Dorf oder einer Familie; einem Stamm erbaut und genutzt. Für diese zuvor aufgeführte unterschiedliche Lage war der Zweck verantwortlich und entscheidend: Im Übergangsgebiet zwischen Flachland und Anti-Atlas (Sahara-Rand: z.B. die Agadire um Amtoudi Id Aissa und Agellouy, Souss-Ebene z.B. Agadir Tazzeka) dienten die Speicher uneinnehmbar als Schutz vor Angriffen von Steuereintreibern und Razzien befeindeter Stämme aus Nachbardörfern sowie Nomaden. Aber auch hier keine Regel ohne Ausnahme: In der Gegend um Aït Abdallah (z.B. Tasguent) und um den Jbel Sirwa lassen sich derartige Festungen finden. Und gleich noch eine Ausnahme am Jbel Sirwa: Hier fanden wir 2 Igoudar in einer Felswand gebaut.
Zurück zur Lage: Im zentralen Antiatlas hingegen wollten halbnomadisch lebende Stämme während ihrer Abwesenheit ihr Hab und Gut durch wenige Familienmitglieder geschützt wissen. Zusätzlich ging es darum, auch Vieh (Schafe und Ziegen) einzubeziehen; die Anlagen waren entsprechend groß und verfügten über Höfe und genügend Raum zur Lagerung von Futter. Diese Berberburgen lagen in bzw. in der Nähe von Dörfern.
In manchem Agadir gab es eine Moschee, eine Schmiede, eine Mühle, eine Schmuckwerkstatt und sogar eine kleine Gefängniszelle. Agadir Itourhain, Portal Oftmals hatte der Wächter, der Amin, ein eigenes Zimmer. Immer waren Zisternen als Wasserspeicher Voraussetzung. Viele waren durch Türme, einen Mauerring um den eigentlichen Speicher (der nur durch schwere, eindrucks- wie kunstvolle Portale begehbar war) und oftmals noch durch eine zusätzliche Hecke aus Feigenkakteen geschützt. Ganz ausgeklügelt und raffiniert: Im Agadir Meherz dienen Bienenstöcke in der Felswand unterhalb des Speichers als zusätzliche Barriere.

In diesen Speicherburgen konnten die kargen und unsicheren Ernten (z.B. Gerste und Mandeln) –manchmal war nur jede fünfte ertragreich- aber auch Lebensmittel (z.B. Geschmolzene Butter, Honig, Oliven- und Arganöl, Datteln und Feigen) sowie Dokumente wie Urkunden, Geld, Schmuck (Henna), Kleidung und Teppiche; selbst Waffen und Munition sicher gelagert und vor Angreifern geschützt werden. Kurz gesagt: Alles, was von Wert war, wurde hier auch während der Abwesenheit der teilweise halbnomadisch lebenden Stämme geschützt.
Aber nicht nur das: Darüber hinaus waren die meisten Burgen zugleich von einem oder mehreren Marabout (Marabou, Marabut), islamischen Heiligen mit Bàraka aufgeladen, hatten Segenskraft erhalten und waren somit geheiligt. Es wurde weder Betrug, Diebstahl, Lügen, Ehebruch oder Mord geduldet. Oftmals war der Agadir auch ein Ort der Zuflucht, hier konnte selbst Mördern kurzzeitig Schutz und Asyl gewährt werden.
In den Speicherburgen wurden Verträge abgeschlossen, Recht gesprochen und sie spielten eine wichtige Rolle im Gemeinschaftsleben auf religiöser und politischer Ebene.

Speichertür Dokumente


Nur Dank der hohen Bauqualität der Berberarchitektur haben manche dieser Kornkammern bis jetzt überdauert, einige davon werden heute noch genutzt. In einem Agadir dienten selbst 2015 die Zellen immer noch als Safe für die in die Städte abgewanderten Dorfbewohner, die hier für 50 DH/Jahr oder auch gegen Entlohnung mit Lebensmitteln Ihre Wertsachen deponieren können. Hier ließ uns der Amin, der Wächter tatsächlich nicht aus den Augen! Manche wenige Zellen sind noch mit den originalen alten Holztüren gesichert, die teilweise mit Malereien oder Schnitzereien kunstvoll verziert waren. (Marrakesch, Museum Dar Si Saïd, SpeichertürenSechs dieser Türen können in Marrakesch im Museum für Kunsthandwerk Dar Si Saïd angesehen werden.) Schlösser jeglicher Bauart, die ältesten komplett aus Holz, sichern die Kammern ab. Aufgrund der genialen Konstruktion sollen sich in den Kammern Gerste bis zu 25 Jahre, Mandeln bis zu 20 Jahren und die Früchte des Arganbaumes gar bis zu 30 Jahren lagern lassen!
In einigen ganz wenigen Igoudar gibt es eine Art kleines Museum, indem man -ähnlich wie in den Berberhäusern, den "Maison Traditionelle"- die alten Gebrauchsgegenstände und Urkunden betrachten kann.

Manche dieser Bauwerke sind nur zu Fuß oder mit einem Geländewagen erreichbar und es ist zeitaufwändig aber auch absolut lohnend, wenn man dann in so einem Gebäude steht. Irgendwie gelingt es auch fast immer, Einlass zu erhalten, mit etwas Geduld und Ausdauer findet sich im nahe gelegenen Ort ein Führer oder der Schlüsselbesitzer. Manchmal wird der Schlüssel auch einfach aus einer Fuge im Gebäude gezogen oder ist unter einem Stein versteckt...

Leider wird nur sehr vereinzelt etwas für den Erhalt der einst so stolzen Bauwerke getan; nur in Einzelfällen wurden einige restauriert. Oftmals steht man in den nach jedem Regen weiter verfallenden Überresten, kann sich nur noch die Ausmaße der Bauten und die traditionellen Lebensweisen darin vorstellen und daraus Rückschlüsse auf die Denkweisen der Berber Südmarokkos ziehen. im Agadir Id Aissa Aber selbst das ist noch beeindruckend genug.
Sicher scheint derzeit, dass der Verfall zahlreicher Gebäude, Anlagen und Komplexe immer schneller voranschreitet und immer weniger dieser einmaligen Bauwerke besichtigt werden können.

Wissenschaftler, Forscher und Kenner der Materie beurteilen den kulturellen Wert insbesondere der Igoudar als in hohen Grade schützenswert und sind der Meinung, dass diese auf jeden Fall zum UNESCO-Weltkultuererbe gehören sollten.
Mit einem Besuch zeigt man der Bevölkerung vielleicht auch die Notwendigkeit der Wertschätzung, des Erhaltes und der Pflege dieser einzigartigen Bauwerke, von denen sich nicht 2 gleichen.

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Quellenangabe, Literaturhinweis und Buchempfehlungen:

Es gibt es zu den Igoudar (genauso wie zu den Berbern, deren Kultur und Architektur) nicht sehr viel Informationsmaterial. Das ist auch der Grund dafür, dass wir uns hier bemüht haben, zumindest zu diesen Burgen aus unterschiedlichen Quellen einiges zusammen zu tragen. Neben eigenen Beobachtungen und Gesprächen vor Ort haben wir unsere Informationen aus folgenden Quellen, die wir deswegen zugleich auch für weitere Informationen empfehlen.
(Bei den Internet- und Literaturverweisen gibt es einige weiterführende und sehr interessante Links!):

Wkipedia: Igoudar (Speicherburgen)
Agadire – Speicherburgen – Igoudar
Über den Zugang zu den Igoudar im Timamagazin: "friedliche Eroberung der Speicherburgen"

Literatur:

Marokko Erfahren: "GPS Waypoints Marokko - Morocco - Maroc" Verlag ProjektNord, Kiel ISBN 978-3-931099-17-6
Arnold Betten: "Marokko Kunst-Reiseführer" DuMont Reiseverlag, Ostfildern ISBN 978-3770139354
Herbert Popp, Mohamed Ait Hamza, Brahim El Fasskaoui: "Les agadirs de l'Anti-Atlas occidental. Atlas illustré d'un patrimoine culturel du Sud marocain." Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Bayreuth 2011, ISBN 978-3-939146-07-0.
Salima Naji: "Greniers collectifs de l'Atlas: Patrimoines du Sud marocain" Edisud, ISBN 978-2744906459
Denise (Djinn) Jacques-Meunié: "Greniers-citadelles au Maroc", deux volumes, Paris, Arts et Métiers Graphiques, 1951, nur noch antiquarisch erhältlich
Denise (Dj.) Jacques-Meunié: "Les greniers collectifs au Maroc", Compte rendu de mission (1941-1942) in: Journal de la Société des Africanistes, 1944

Linksammlung vor allem zum Thema Agadire und Baukunst der Berber (Marokko Erfahren auf facebook):

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